Widerstand und Erneuerung sind notwendige Voraussetzungen für die postkapitalistische Welt. Es ist wahr, dass wir uns aus der Schlinge des Kapitalimus, die um den Hals der Menschheit gelegt wurde, befreien müssen. Doch neben unserem Widerstand müssen wir gleichzeitig auch an die Infrastruktur für den Übergang denken, denn der Klimawandel zwingt uns dazu, kleinere, autonome Gemeinschaften aufzubauen.
Immer mehr Menschen erkennen, dass das derzeitige System nicht reformiert werden kann. Es wird einen verstärkten Zufluss geben in bestehende Gemeinschaften. Neue Gemeinschaften werden entstehen. Die bereits existierenden Modelle für Heilungsbiotope können eine entscheidende Rolle beim Wissenstransfer und bei der Modellierung der neuen Gemeinschaften spielen. Sie haben auch die Fähigkeit, die Vorstellungskraft einer neuen Generation zu erweitern. Auf einem Planeten, der auf einen großen Zusammenbruch zusteuert, braucht die junge Generation vor allem eine Perspektive.
Die westliche akademische Tradition und die progressive Bewegung (insbesondere die Bewegung zum Klimawandel) waren nicht in der Lage, die tiefen Wahrheiten über innere Motivation, Gemeinschaft, Liebe und unsere Beziehung zur Natur miteinander zu einem einheitlichen Bild zu verbinden. Es ist ihnen nicht gelungen, eine ganzheitliche Weltsicht zu kreieren, welche die Herzen der zunehmend apathischen Mehrheit der Menschen anspricht, inspiriert und motiviert. Stehen wir vor der Herausforderung, eine zerbrochene Maschinerie zu reparieren, oder vor der Aufgabe, eine tiefe, spirituelle Krise zu meistern? Befinden wir uns in einem potenziellen Endspiel oder ist dies die „Chrysalis-Phase“ unserer Zivilisation? Blicken wir zurück als die Raupe, die ein Schmetterling hätte werden können, aber sich selbst zerstört hat, bevor das neue und wahre Stadium des Lebens begann? Oder erzählen wir die Geschichte von der Raupe, die all ihre Möglichkeiten aktiviert hat, um dasjenige vollkommene Wesen zu werden, das sie sich niemals hätte erträumen können, bevor es ihr nicht schließlich gelang? Für mich erscheint es immer klarer, dass wir alle das Potenzial der Welt, die wir in Zukunft sehen wollen, in uns tragen. Eine andere Welt ist möglich, nicht weil wir sie beschreiben oder sogar theoretisieren, sondern weil ihre Saat bereits in unserem kollektiven Sein existiert. Wie Dieter Duhm in seinem Buch „Terra Nova“ geschrieben hat: „Die konkrete Utopie ist eine latente Realität im Universum, genauso wie der Schmetterling eine Realität ist, die latent innerhalb der Raupe existiert.“
Von Alnoor Ladha. Er ist Autor, Vorstandsmitglied von Greenpeace International USA, Gründer und Geschäftsführer von „The Rules“, ein globales Netzwerk von Designern, Programmierern, Autoren und Forschern. Sie arbeiten gemeinsam daran, diejenigen Parameter zu verändern, die der globalen Ungleichheit und dem Klimawandel zugrunde liegen.
Der Text stammt aus dem Buch Defend the Sacred – wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben.
auch ich befinde mich in einem “potentiellen endspiel”, ganz persönlich. für mich ist es eindeutig: es wird nur besser werden. für die erde kann es aber nur heissen, es muss besser werden. ich erfreue mich an der gruppe terra-nova-schweiz, als ein konkretes beispiel der erneuerung. ich freue mich auf den moment, wo ich dich, liebe leila, dort erneut umarmen kann. eigentlich wünschte ich mir in diesen tagen dort zu sein. distanz, zeitpunkt, befindlichkeit hindern mich zu fahren.
ich grüsse dich herzlich und wünsche dir und tamera salam-shalom, chlous.
Lieber Chlous,
Danke und dir auch ganz herzliche Grüsse und viel Kraft und Heiterkeit für dein potentielles Endspiel – im Wunsch, dass du dir dafür noch Zeit nimmst! Wie schön, dass du mit Terra Nova in Kontakt bist, ich bin sicher, dass ich sie im Frühjahr auch wieder besuchen werde.
Ich hoffe, dass wir uns dort sehen! Alles liebe auch an Esther!
Leila
In den letzten drei Jahrzehnten sind mir immer wieder Menschen begegnet, die eine Vision einer gesunden, friedlichen, ökologisch orientierten Gemeinschaft hatten, viele Ideen dazu, wie sich so eine Gemeinschaft organisieren, wie sie leben könnte. Doch in meiner Umgebung ist es niemanden – auch mir nicht -, gelungen, so eine Gemeinschaft zu finden oder gar zu gründen. Es blieb immer ein Traum. Und ich immer eine Einzelkämpferin. Als ich vor einigen Jahren das Buch von Dieter Duhm las, war ich dankbar zu entdecken, dass eine solche Gemeinschaft existiert. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, sie zu besuchen. Inzwischen weiß ich, dass es auch andere Gemeinschaften gibt, die eine alternative Form des Zusammenlebens gefunden haben, nur leider nicht in derzeit erreichbarer Nähe.
Im vergangenen Jahr begegneten mir wieder erstaunlich viele Menschen – vor allem in der „Widerstandbewegung“ – die solche Ideen formulieren, die sich danach sehnen und erkennen, dass wir uns ganz neu organisieren müssen, dass wir alles, was der Erde und dem Zusammenleben mit allen Kreaturen nicht dient, in Frage stellen müssen. . – Große Fragen gesellen sich dazu: Wo und wie fangen wir damit an? Ohne Geld, ohne Raum, ohne Räumlichkeiten, ohne die Möglichkeit, uns in der analogen Welt zahlreich zu begegnen, – außer wir lassen es darauf ankommen, uns von Ordnungshütern maßregeln zu lassen? (Ja, es finden sich Wege wenigstens im Kleinen, doch es bleibt schwierig und erfordert ein gewisses Maß an Mut …)
Um bei dem Beispiel der Raupe zu bleiben: meinem Empfinden nach befinden wir uns global im Zustand des Konkons, in dem vorherige (Zell-) Strukturen auseinanderfallen, eine Art inneres Chaos entsteht, um daraus eine neue Ordnung zu entwickeln, eine neue Struktur, die etwas Wunderbares gebiert. Das Alte muss / darf auseinanderfallen, um sich ganz neu zu ordnen.
Ja, es fühlt sich an wie eine Art Endspiel. Das erscheint mir notwendig, doch es ist auch beängstigend. Das, was mich am meisten erschreckt, sind die – teils sehr unterschiedlichen – Ängste, die ich um mich herum wahrnehme und sich nicht selten in Wut und Aggressionen ausdrücken – und meine Knöpfe drücken. Das ist eigentlich gar nichts Neues, viele Menschen haben auch schon vorher in Angst gelebt, aber es war kollektiv nie so offensichtlich. Vielleicht muss das eben jetzt mal ganz deutlich auf den Tisch. Aber wo führt das am Ende hin?
Nachdem ich selbst seit Monaten hin und herpendle, zwischen aktiven Widerstand leisten wollen (gegen ungesunde Maßnahmen, die das friedliche Zusammenleben vergiften) und der Erkenntnis, dass Widerstand nur noch mehr Widerstand hervorbringt, und dass es heilsamer ist (für mich selbst und meine Umwelt), in meiner Mitte zu bleiben, fokussiere ich mich immer bewusster darauf, gezielt nach Lösungen zu suchen, wie wir konkret weitermachen können, wenn dieses Chaos überwunden ist. Und wie wir aus dem Chaos friedlich und liebevoll herauskommen, und wie wir die auffangen können, die sich in diesem Chaos aus Angst verloren haben. Es braucht in uns allen den Mut, Vertrauen (wieder)zugewinnen. Ich dachte immer, es sei in erster Linie meine eigene Aufgabe, in mir für Heilung zu sorgen. Doch jetzt erkenne ich deutlicher denn je, dass es dazu auch eine starke Gemeinschaft braucht. (Ich habe gerade euer Buch gelesen „Und sie erkannten sich“ …)
Ja, es braucht unbedingt eine junge Generation, die mit der Erde anders umgeht, als die vorangegangenen. Interessanter Weise sind es aber scheinbar eher die 45 – 65jährigen, die am deutlichsten erkennen, dass es so auf keinen Fall weitergeht. Jedenfalls, soweit ich das beobachten kann.
Ich bin überzeugt, dass es ein natürliches wertvolles menschliches Potenzial gibt, das in absehbarer Zeit – hoffentlich kollektiv! – deutlich zum Vorschein kommen kann und sich leben und verwirklichen lässt. Und ich bin dankbar für diese Überzeugung, denn sonst könnte ich das, was sich gerade um mich herum abspielt, nur schwer ertragen.
Euch allen auch ein gesegnetes neues Jahr und gutes Gelingen bei Eurer wertvollen Zusammenarbeit! Ich bin froh und dankbar, dass es Euch gibt!
Liebe Stephanie,
danke für deinen berührenden Kommentar. Du sprichst vielen Menschen aus dem Herzen. In dieser Zeit, wo wir so viele Veränderungen durchlaufen, wo noch mehr Veränderungen kommen werden und die Rückkehr zu einem alten Normal immer unwahrscheinlicher wird, ist es wichtig, dass wir herausfinden, auf wen wir uns verlassen können.
Viele haben jetzt die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Verständlich, denn in Gemeinschaften scheint es jetzt einfacher zu sein. Aber wenn man genauer hinschaut, treten in Gemeinschaften jetzt Konflikte zutage, die vorher im Untergrund schon vorhanden waren. Auch dort kommt es häufig zu Krach, Spaltung und sozialer Distanz.
Gemeinschaft bedeutet mehr und ist schwieriger, als die meisten sich das vorstellen. Ich glaube, wir befinden uns da in einer gemeinsamen Evolution. Anstatt dass sich jetzt alle darauf fokussieren, ein Zusammenleben friedlich zu organisieren – was erfahrungsgemäß allen Einsatz braucht – glaube ich, wir sollten eine übergreifende Bewegung formen, in der Einzelne, Gemeinschaften, Nachbarschaften, Initiativen sich auf Werte und ein gemeinsames Ziel einigen, bei aller Unterschiedlichkeit. Das ist der Einsatz, der jetzt gebraucht wird, für die Erde, für die Menschheit. Dafür bringen wir auch unsere Bücher raus, dafür machen wir die Netzwerkarbeit. Gemeinschaft erfahren, das geht nicht nur in Gemeinschaft.
Diesen Gedanken möchte ich dir gerne mitgeben.
Bist du schon im Terra-Nova-Studiennetzwerk? Da versuchen wir, eine geistige Grundlage für diese Bewegung aufzubauen und zu teilen.
Sei herzlich gegrüßt
Leila Dregger